„Wärmesektor ist der schlafende Riese“

Norman Gerhardt vom Fraunhofer-Institut fordert Umdenken

Norman Gerhardt vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES fordert ein Umdenken im Kopf, um mehr Strom in den Wärmemarkt zu bringen.

Energiewende in Deutschland: 78 Millionen Tonnen Treibhausgase sollen laut den Klimaschutzzielen der Bundesregierung bis 2020 eingespart werden. 30 Millionen Tonnen davon sollen durch eine bessere Energieeffizienz bei Gebäuden erreicht werden. Nur mit guter Dämmung ist das nicht zu schaffen, mindestens genauso wichtig ist das Thema Wärmeerzeugung im Haus. Wissenschaftler und andere Experten fordern vehement eine „Wärmewende“. Was bedeutet das? Dazu nimmt Norman Gerhardt vom Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik IWES Stellung.

Norman Gerhardt, Sie sagen, dass die Energiewende nur mit einer „Wärmewende“ möglich ist. Warum?

Das Ziel ist, CO2 einzusparen - das ist uns allen klar. Allerdings ist das Thema Wärme in der Debatte leider ein schlafender Riese. Dabei können wir im Wärmesektor nur durch den Einsatz von erneuerbarem Strom den CO2-Ausstoß deutlich reduzieren. Eigentlich wäre es ganz einfach: Ölheizung raus und effiziente Heiztechnik wie Wärmepumpen rein ins Haus. „Power-to-Heat“, also Strom nutzen, um Wärme bereitzustellen. Leider hat Strom aber bei vielen Menschen noch ein negatives Image. Oft wird hier an alte Nachtspeicheröfen gedacht, statt an moderne und vor allem effiziente Heiztechnik. Hier muss ein Umdenken im Kopf stattfinden. Denn langfristig ist der Einsatz eines hohen Anteils von regenerativ erzeugtem Strom im Wärmesektor unabdingbar – Deutschland braucht eine Wärmewende. Wichtig ist dabei, dass auf effiziente Technik wie Wärmepumpen gesetzt wird. Auch Photovoltaik ist in diesem Zusammenhang nicht außer Acht zu lassen. Erzeugung, sinnvolle Nutzung und Speicherung von Strom sind unsere Zukunft. Und: Wir werden in Zukunft viel Strom verbrauchen. Umso wichtiger ist, den Einsatz effizient zu managen. Die Technik dafür gibt es heute schon.

Warum wird das bisher nicht ausreichend umgesetzt?

Die Rahmenbedingungen sind derzeit nicht stimmig: Dem vermehrten Einsatz von Ökostrom im Wärmesektor steht die ungleiche Kostenbelastung im Weg. Heißt: Strom trägt allein die Kosten der Energiewende und ist daher zu teuer – insbesondere im Vergleich zu fossilen Brennstoffen. Hier ist ganz klar die Politik gefordert!

Wie könnte man Ihrer Meinung nach diese Herausforderungen meistern?

Als Schlüsseltechnologie sehe ich Wärmepumpen für Haushalte, aber auch für Gewerbe und Industrie. Ihr Anteil muss kontinuierlich gesteigert werden. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre eine weitere und stabile Förderung für Wärmepumpen. Denkbar wäre auch eine aufkommensneutrale Umschichtung der Stromsteuer zu einer Anhebung der Energiesteuer für Heizöl und -gas. Auch eine CO2-Abgaben oder eine CO2-bezogene Energiebesteuerung für fossile Energieträger halte ich für denkbar. Mit solch einer Unterstützung vom Staat würde beim Bürger das Umdenken im Kopf auch leichter fallen – die Wärmewende könnte endlich beginnen.

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Das Interview, mehr Infos und Möglichkeiten zur Kommentierung finden Interessierte auch auf blog.stiebel-eltron.de.